Stenografie
Ist Stenografie im Zeitalter digitaler Diktiergeräte und sich stets weiterentwickelnder Spracherkennungsprogramme ein Anachronismus? Manch einer wird so denken und mit Kurzschrift eher Stellenausschreibungen für Sekretärinnen aus den 60er Jahren als eine Fertigkeit assoziieren, die bis heute aus einigen Bereichen des modernen Wirtschaftslebens nur schwer wegzudenken ist.

Kaum verkannt wird dabei die handwerkliche, geistig–intellektuelle und – jedenfalls beim Schreiben in Höchstgeschwindigkeiten – mitunter auch künstlerisch–kreative Leistung von Stenografen. Denn Schreibgeschwindigkeiten weit jenseits der 300 Silben/Minute lassen sich nur erreichen, wenn bereichsspezifisch auch Kürzel entwickelt werden, die außerhalb der durch die Systematik der Deutschen Einheitskurzschrift vorgegebenen Regeln liegen. So werden im Fachblatt „Neue Stenografische Praxis“ monatlich verschiedene Schreibweisen einzelner extrem gekürzter Begriffe und Wendungen von erfahrenen Stenografen diskutiert.

Ebenso wenig bestritten dürfte sein, dass historische Ereignisse häufig nur dank stenografischer Mitschriften authentisch wiedergegeben werden konnten. Viele Reden Ciceros wäre ohne dessen Privatsekretär Marcus Tullius Tiro, Erfinder eines der ersten Kurzschriftsysteme überhaupt, der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Aber auch die stenografischen Mitschriften etwa verfassungsgebender Versammlungen der jüngeren Vergangenheit oder bedeutender Plenardebatten in Parlamenten sind von historischer, politischer und oft genug auch juristischer Bedeutung.

Doch lässt sich die Fertigkeit Stenografie nicht durch Tonaufzeichnungen und anschließendes Abschreiben ersetzen? Eine sachgerechte Antwort auf diese Standardfrage muss berücksichtigen, dass die Transformation des gesprochenen Worts in eine Niederschrift viel mehr als bloßes Transkribieren ist. Es handelt sich um einen sensiblen selektiven und häufig auch additiven Prozess, für den es einer umfassenden Ausbildung und eines großen Maßes an Erfahrung bedarf. Die Aufgabe lässt sich ungleich leichter meistern, wenn man das gesprochene Wort erlebt hat, bei der Rede also selbst dabei war und sie nicht erstmals vom Tonband vernommen hat.

Darüber hinaus können Tonaufzeichnungen nicht festhalten, welche Person gerade spricht. Handelt es sich – wie etwa bei Zwischenrufen im Parlament oder bei spontanen Fragen aus dem Auditorium – um Redebeiträge ohne ausdrückliche Worterteilung, wird oftmals auch aus dem Kontext nicht deutlich, wer gerufen oder gefragt hat. Es bedürfte schon aufwendiger Bild– und Tonaufzeichnungsanlagen, um auch solche Redner zu erfassen.

Der vielleicht größte Vorteil der Stenografie im Vergleich zu Tonaufzeichnungen ist die Geschwindigkeit bei der Übertragung. Ein Stenograf hat mit seinem Stenogramm das Gesprochene bereits bildlich vor Augen, wenn er den Text weiterverarbeitet, also zum Beispiel direkt in den Computer eingibt und dabei redigiert. Wäre diese Arbeit mithilfe einer Tonaufzeichnung zu leisten, müsste man sich die Rede (abschnitts– bzw. satzweise) erst noch einmal anhören. Dies würde zum Beispiel bei der Erfassung der Aktionärsfragen auf Hauptversammlungen zu nicht hinnehmbaren Verzögerungen führen.

Darüber hinaus gibt es Situationen, in denen Tonaufzeichnungen nicht gestattet sind, wie zum Beispiel bei Gerichtsverhandlungen (§169 GVG) und wenn – wie häufig in Hauptversammlungen – der Leiter einer nichtöffentlichen Versammlung keine Tonaufzeichnungen zulässt und ein Mitschneiden sogar strafbar wäre (vgl. §201 StGB). Stenografische Mitschriften sind in solchen Fällen jedoch zulässig.

Die stenografische Aufnahme von Redebeiträgen ist aus diesen Gründen in einigen speziellen Bereichen unerlässlich. Parlamente, Verwaltungsbehörden (etwa für Erörterungstermine in Planfeststellungsverfahren), Zeitungsredakteure (für wichtige Interviews), große Wirtschaftsunternehmen (gerade für die Fragenerfassung auf Hauptversammlungen) und Rechtsanwälte (in wichtigen Prozessen) bedienen sich daher auch im modernen Wirtschaftsleben oftmals ausgebildeter Spitzenstenografen.
boxHead
Dr. Carsten Jungmann
Dr. Carsten Jungmann
Bucerius Law School
Jungiusstraße 6
20355 Hamburg

Tel.: (040) 3 07 06 - 277
Fax: (040) 3 07 06 - 165
carsten.jungmann@law-school.de
Carsten Jungmann
boxFooter